______________________________________gesundheits-politik
Eigene Stellungnahmen zu den Entwicklungen in der Gesundheitspolitik finden Sie in den folgenden, jeweils von Dr. Ippisch verfaßten Leserbriefen, die in der Süddeutschen Zeitung unter dem jeweils genannten Datum und Titel abgedruckt wurden.
SZ vom 28./29.8.99
"Lähmender Sparzwang"
Ja, ich habe als Neurologe mein Medikamenten-Budget überschritten. Gewaltig überschritten sogar, genauer gesagt haben sich die Kosten der von mir verschriebenen Medikamente in den vergangenen zwei Jahren mehr als verdoppelt.
Der Grund dafür ist einfach: Ich betreue mehrere junge Patienten mit Multipler Sklerose, die unter häufigen Schüben mit Gefühlsstörungen und Lähmungen leiden, die jeweils einen bleibenden Defekt hinterlassen können. Für diese Patienten gibt es ein Medikament, Beta-Interferon, das nachweislich die Schubrate senkt. Aber dieses Medikament kostet für jeden Patienten DM 25.000,- im Vierteljahr (!).
Ich habe deshalb also mein Budget um DM 70.000,- pro Quartal überschritten. Das Budget wurde anhand der Arzneimittelausgaben von 1996 festgesetzt. 1996 gab es Beta-Interferon noch nicht. Ich soll die Mehrausgaben für neue Medikamente durch Weglassen überflüssiger alter Medikamente einsparen. Ich müßte also alle anderen Medikamente weglassen, wenn ich Beta-Interferon verschreiben will. Bundesgesundheitsministerin Fischer hat selbst auch Maßnahmen zur Senkung der Arzneimittelkosten ergriffen (Festbeträge für Medikamente, Negativliste), diese sind vor Gericht gescheitert. Da könne sie nichts machen, sagt sie.
Ich soll jetzt zur Strafe fünf Prozent der Mehrkosten selbst bezahlen. Dagegen werde ich mich auch gerichtlich zur Wehr setzen, vermutlich ohne Erfolg, weil ich nicht die Pharmaindustrie bin. Ich werde den jungen MS-Patienten trotzdem nicht sagen, daß ich ihnen aus Kostengründen das Medikament nicht mehr verschreiben kann. Das wenigstens soll Gesundheitsministerin Fischer selbst tun, bitte laut und deutlich.
Sie tut es aber nicht, sondern sie beschimpft mich, ich würde unwirtschaftlich verordnen und müßte mich besser über billigere Alternativen informieren. Das beleidigt mich, denn ich weiß, daß es keine gibt.
Ich persönlich also werfe Frau Fischer einen Mangel an Sachkenntnis, Fairneß, Mut und Offenheit vor. Ich glaube nicht, daß ein solcher Mangel zur Führung eines Ministeriums befähigt.
Dr. Richard Ippisch, Germering
SZ vom 4.3.1999
"Sind zwei Arztbesuche billiger als einer ?"
Hört die neue Bundesregierung diesmal bei ihren Beratungen zur Gesundheitsreform auf schon vorher gestellte kritische Fragen ? Warum sollen Kassen-Patienten künftig immer einen Hausarzt aufsuchen, bevor sie zum Facharzt gehen ? Ist es billiger, künftig zwei Arztbesuche statt einen zu bezahlen ? Meint man, die meisten Patienten wären zu dumm, den richtigen Facharzt für ihre Beschwerden zu wählen ? Oder soll durch lange Wartezeiten in den Hausarztpraxen und Begrenzung der hausärztlichen Überweisungen dem Patienten die fachärztliche Behandlung zunehmend erschwert werden, um Kosten zu
sparen ? Ist dann eine dem Facharztniveau vergleichbare Versorgung durch die Hausärzte gewährleistet oder nehmen die (selbst vermutlich privat versicherten) Politiker einen medizinischen Qualitätseinbruch für Kassenpatienten in Kauf ? Müssen wir ausgerechnet an unserer Gesundheit als erstes und am meisten sparen?
Dr. Richard Ippisch, Germering
SZ vom 9./10. 1.1999
"Vollkaskoversorgung für Patienten ist nicht mehr bezahlbar"
Wir Ärzte waren durchaus bereit, einen angemessenen Sparbeitrag zu der wirtschaftlichen Situation zu leisten. Die uns gesetzlich aufgezwungenen Beschränkungen gingen jedoch darüber weit hinaus und haben schon jetzt zu Umsatzeinbußen von 20 - 30% in allen Praxen geführt. Von jeden 10.000 Mark Umsatz bleiben nach 20 % Reduktion nur noch 8.000 DM. Die anteiligen Praxiskosten von vorher 5.000 DM sind auch nachher noch 5.000 DM. Übrig bleibt unser Einkommen, das entsprechend von vorher 5.000 DM auf nachher 3.000 DM pro 10.000 DM Umsatz sank, also um 40 %. Wer kennt sonst noch eine Branche unserer Gesellschaft, die bei gleichbleibender oder sogar steigender Arbeitsleistung 40 % Einkommenseinbuße hinnehmen mußte ? Selbstverständlich gab es konjunkturelle Einbrüche auch in vielen anderen Wirtschaftszweigen, aber weniger Aufträge heißt dort weniger Arbeit und somit die Möglichkeit durch Sparmaßnahmen (Entlassungen !) Kosten zu senken. Diese Möglichkeit haben wir nicht, denn wir und unsere Helferinnen arbeiten noch immer genausoviel und mehr. Welcher Beamte (oder Minister) wäre bereit, dies zu tun und 40% weniger zu verdienen ?
Tatsächlich gibt es auch mehr Ärzte und deshalb muß das Geld auf mehr Köpfe verteilt werden, so daß für den einzelnen weniger übrigbleibt.
Nur - alle diese Ärzte arbeiten, die Praxen sind voll und diesen offensichtlichen Bedarf der Gesellschaft haben nicht wir Ärzte zu verantworten. Wer dies beschränken will, muß zunächst einmal ehrlich sagen, daß eine Vollkaskoversorgung für alle nicht mehr wie bisher bezahlbar ist. Er muß dann dort ansetzen, wo die Nachfrage entsteht: bei den Patienten und dies geht sinnvollerweise nur über eine Eigen-beteiligung unter Ausschluß sozialer Härten. Das wäre nicht unsozial, denn durch überflüssige Arztbesuche verursachte Kosten und damit die Kassenbeiträge aller Versicherten würden im Ausgleich zurückgehen. Einige Ärzte würden zwar weniger verdienen, müßten dafür aber auch weniger arbeiten.
Kein guter Stil, wenn auch politisch unverfänglicher ist es dagegen, die Ärzte einfach nicht mehr zu bezahlen und öffentlich an deren ethische Verpflichtung zu erinnern. Genau dies wird auch mit der verschärften Budgetierung von ärztlichen Leistungen bezweckt, oder was sollen wir mit den Patienten machen, die am Quartalsende kommen, wenn unser Budget erschöpft ist ? Sie nach Hause schicken ? Wir werden sie halt umsonst behandeln und das wissen die Politiker. Niemand also muß uns an unser Berufsethos erinnern, wenn wir einen Tag die Praxen schließen, um auf diese Verfehlung aufmerksam zu machen.
Dr. Richard Ippisch,
Neurologe Germering
SZ vom 4.8.1997
"Medizinisch gefährlicher Unsinn"
"Die Patienten, keine Frage, werden in einem Machtkampf zerrieben." Frau Graupner wird recht behalten mit ihrer Aussage, wenn die Patienten selbst und ihre Interessenvertreter nicht endlich mit einsteigen und mehr unternehmen als sich allenfalls noch hämisch über die drastischen Einkommenseinbußen der Ärzte zu freuen. Ist denn eigentlich niemandem klar, welch medizinisch gefährlichen Unsinn die bereits geltenden Regelungen darstellen ? Warum gibt es keinen Sturm der Entrüstung ?
Die neuesten Fakten: Seit 1.Juli 1997 darf jeder Arzt pro Patient im Quartal nur noch für eine festgelegte Summe "Leistungen erbringen", diese Summe liegt je nach Fachgebiet in Bayern zwischen etwa DM 40.- (Frauenarzt) und DM 115.- (Nervenarzt). Jedem Laien dürfte klar sein, daß kein Arzt in 3 Monaten damit weit kommt. Alle zusätzlichen Leistungen werden nicht bezahlt, außer im Ausgleich, falls ein anderer Patient noch weniger in Anspruch nimmt. Kein Betrieb (und auch eine Arztpraxis ist ein solcher) kann in größerem Umfang Leistungen umsonst erbringen, ohne dabei pleite zu gehen. Also können zusätzlich erforderliche Untersuchungen oder ein zweiter und weiterer Arztbesuch meist im selben Quartal nicht mehr erfolgen und müssen verschoben, beim Kollegen oder im Krankenhaus durchgeführt werden. Nur leichte Fälle lassen sich so noch ausreichend behandeln. Das Budget des Arztes wird somit zum Budget des Patienten, der nur noch in stark begrenztem Umfang ärztliche Leistungen in Anspruch nehmen kann. Berücksichtigt man dabei, daß von den jährlich 260 Milliarden Mark Einnahmen der Krankenkassen nur noch knapp 60 Milliarden für die gesamte niedergelassene Medizin zur Verfügung stehen, obwohl hier 95 % aller Erkrankungsfälle behandelt werden, sollte einem auch als Versicherten spätestens der Hut hochgehen.
Hier bietet das System der Kostenerstattung eine nicht zu unterschätzende Möglichkeit zur marktwirtschaftlichen Korrektur. Der Versicherte muß zunächst selbst bezahlen und die Summe dann von seiner Krankenkasse einfordern. Dies wird die Vollkasko-Mentalität so mancher Patienten heilen, bei zögerlicher Erstattungswilligkeit der Kassen aber auch unwillkürlich die Frage aufwerfen, wo denn all das Geld aus den hohen Beiträgen bleibt. Vielleicht wird man sich dann häufiger fragen, ob man sich medizinisch zwar immer weiter einschränken läßt, dabei aber gerne die munter steigenden Verwaltungskosten der Krankenkassen mitfinanziert, und ob der Staat sich weiterhin schamlos auch aus diesem Topf bedienen darf. Leistungswilligere und somit wirtschaftlichere Krankenkassen könnten mit erhöhtem Zulauf rechnen, die anderen müßten endlich mit dem Rechnen anfangen.
Die Ärzte haben bisher zugunsten ihrer Patienten auf einen sonst in dieser Gesellschaft üblichen Arbeitskampf mit Streiks und Demonstrationen in wirksamem Umfang verzichtet. Ihren "Machtkampf" haben sie deshalb schon längst verloren. Die meisten Versicherten und Patienten dagegen haben noch nicht einmal damit begonnen, ihren Kopf und ihre Macht einzusetzen, noch bezahlen sie dafür mit immer mehr Geld für immer weniger Medizin.
Dr. Richard Ippisch
Neurologe, Germering
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